33 Maschinen

33 funktionierende Maschinen (Auszug)

Alexa

Alexa bleibt von ihrem Leben Gutes und Schlechtes übrig. Von fast jedem Tag ein schönes Stück für die Vitrine. Aber das weniger Schöne, also das Schlechte, das bleibt auch und setzt sich in Ecken fest; und es muss gegessen werden; wie sollte es sonst verschwinden? Es muss von Alexa gegessen werden, denn sonst ist da niemand; aufgegessen und dann die Ecken ausgeschleckt. Dieses Schlechte ist eine trockene Masse, sie füllt den Mund und schmeckt wie Oblaten.
Ecken ausschlecken ist aber nicht soo ekelig. Denn es sind Alexas Ecken und die sind sauber und frisch und süß – bis eben auf das Schlechte, das aufgegessen werden muss.

 

Ulf

Ulf verstoppelt immer eine seiner Körperöffnungen. Denn dann ist allem -oder allen, er kann sich da nicht ganz entscheiden- in ihm klar, daß es bei ihm bleiben soll. Ein Hinweis, den man auch von innen verstehen kann. Unmißverständlich, selbst wenn Teile von ihm ihn vielleicht heimlich gerne verlassen würden.
Außerdem ist eine Öffnung da, damit etwas hindurch kann. Soll nichts hindurch, sollte man sie schließen. Wie Mund und Augen; Ohren kann man wunderbar, ja, sollte man mit den Fingern verstoppeln; und die Nase.
Am beunruhigensten aber bleibt der Bauchnabel. Er scheint verschlossen, ist es aber nicht. Eine sinnlose Öffnung, aus der das Leben eines Tages fast unbemerkt heraustropfen könnte. Aber zum Glück paßt sein Daumen genau hinein.

 

Sanne

Sannes wichtigste alles tragende Substanz besteht aus lauter kleinen Wesen, alle gleich geformt wie Bonbons. Wenn man eines dieser Bonbons in eine Nährlösung täte, könnte aus ihm durchaus eine kleine neue Sanne wachsen, und so wartet Sanne auf die Wissenschaft. Denn die Wissenschaft wird Nährlösung bereitstellen und Sanne unsterblich machen. Die Vorstellung von vielen Sannes, die nebeneinander existieren würden, erschreckt Sanne nicht: Wie ihre Bonbons sich miteinander verstehen, so verstehen sich auch die vielen Sannes und könnten zusammen noch mehr Sanne ergeben, und alles ausprobieren, was einer Sanne offensteht.

 

Das fremde Kind

Das fremde Kind ist nicht von hier; es wird dort festgehalten, wo es nicht hingehört. Denn die, die bestimmen, sind blind. Sie sehen nicht einmal, daß das Kind fremd ist. Sie behaupten einmal, es würde der Mutter, einmal der Tante und einmal dem Vater ähneln, was alles völlig blödsinnig ist. Insbesondere der Vergleich mit dem faltigen Vater, aus dessen Nasenlöchern Haare wachsen, sogar aus den Ohren; dieser Vergleich  ist augenscheinlich absurd. Aber an die Ohrenhaare wagt das fremde Kind ohnehin nur selten zu denken.
Das fremde Kind gehört zu ganz jemand anderem; jemandem, der so gut sehen kann wie das fremde Kind selbst; jemand, der nach dem Kind sucht und bei dem das Kind wissen würde, daß es genau zu ihm gehört und nicht einfach irgendwo hingefallen ist.

 

Leo

Leo hat in sich eine Quelle, in der raschelt und gluckst es die ganze Zeit. Sie glitzert, perlt und spuckt. Das ist das Tolle an ihr: Sie spuckt Dinge aus, die sie ganz allein ohne jedes Zutun erfindet: Gute Einfälle, charmante Arten zu lächeln, hin und wieder ein Flick-Flack auf offener Straße aus lauter Übermut.

Ohne diese wäre Leo ganz aufgeschmissen, denn wie könnte man ihn lieben ohne diese Quelle? Er weiß, daß er all die Zuneigung dieser Quelle verdankt. Das man ihn um seiner sicher gewählten, passenden Gesten und Worte willen schätzt, und er sich selber auch wegen diesem Gefühl mag, daß das, was er gerade macht, paßt.

 

Amelie

Amelie ist auch außen sehr hübsch anzusehen. Aber ihre innere Welt, wäre sie sichtbar, könnte das übertreffen. Alle Organe von Amelie sind sorgfältig getrennt. Man kann sie auch von ihren Verbindungsstücken unterscheiden. Jedes hat eine perfekte Form, organisch, ja, aber nach Desgngesichts­punkten optimiert. So liegen sie ineinander, sie schmiegen sich aneinander. Ihre Farben variieren wie das Grün der Bäume im Frühjahr. Nur in erd- und blutverwandten Tönen.

Es gibt bestimmte Linien, die sich durch den ganzen Körper ziehen und ihn innerlich strukturieren. Diese stehen zur äußeren Form in bezug. Könnte man sie auseinandernehmen, so wäre sie ein traumhaftschönes 3D-Puzzel, das allen die Ehrfurcht vor der Natur lehren würde, ganz ohne Zweifel.