Das Gefühl zu denken: Theorie lesen

Serie von Erzählungen und Vortrags-Performance (im Arbeit)

Wie ist es, Derrida, Butler oder Žižek zu lesen? Muss man schweigen, um Hegel verstehen zu können? Wie oft muss man Deleuze lesen, um den Sinn zu erahnen? Möchte man mit Hannah Arendt zur Vernunft der Griechen zurückzukehren? Hilft Kant dabei, die freifließenden Phänomene aufzuhalten?

Philosophie/Theorie zu lesen ist eine ästhetische, persönliche und anstrengende Erfahrung. Man tut es nur, wenn man sich davon etwas verspricht. Zugleich wird es von vielen Leser*innen als beglückend wahrgenommen. Ich untersuche diese Erfahrung und schreibe fiktive Prosatexte dazu. Sie basieren auf 50 vertraulichen Interviews mit Student*innen, Dozent*innen, Professor*innen aus der Geisteswissenschaft (insbesondere aus der Philosophie) und mit anderen versierten Lesern.

Ein paar Geschichten auf Englisch wurden im Performance Philosophy Journal veröffentlich und können dort gelesen werden.

 

Ausschnitt aus: Kira liest Donald Davidson

Geschichten hören:

Kira will Davidson verstehen. Ihm notfalls sogar Recht geben. Aber sie will sich Davidson auf keinen Fall – hast Du nicht gesehen – unterwerfen: Es ist wichtig, sich nicht zu unterwerfen. Selbst dann, wenn Davidson klüger sein sollte. Gerade dann, wenn Davidson klüger sein sollte. Noch ist nichts entschieden.
Wann hätte Kira gewonnen? Gewonnen hätte sie, wenn sie Davidsons Text verstanden hätte und gleichzeitig in einem Punkt klüger wäre als Davidson. Wenn sie Davidsons Argumentationslinie genau sehen und zugleich sagen könnte, warum sie an einem ganz bestimmten Punkt nicht funktionierte. Dann hätte sie gewonnen.

Ausschnitt aus: Verena liest Hannah Ahrendt

Hannah Arendt lässt Verena etwa Neues wahr­nehmen, weil sie, während sie Verena ihr mit ihren Sätzen durch ein Stück Welt führt, gleichzeitig die Ungeheuer­lichkeit der Welt ordnet und sie so abfängt. So dass die Welt Verena nicht in ihrer ganzen Wucht trifft und sie etwas Vernünftigerem begegnet als der Welt als solcher, etwas, aus dem Sinn gemacht werden kann; und vor allem etwas, das mehr Zuversicht erlaubt.

Ausschnitt aus: Ina liest Jacques Derrida

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Derridas Texte beginnen oft ganz harmlos. Doch plötzlich ziehen sie an. Wenn sie in Bewegung kommen, wollen sie auf einmal mit aller Macht, dass Ina anders denken soll als sonst. Sie bestehen darauf, dass Ina die zuvor aufgestellten Axiome und Thesen im Kopf aktiv hält und sie als Grundlage für den nächsten Satz nimmt. Die Texte wollen, dass Ina das spezielle Spannungsniveau des Textes annimmt, aufnimmt und auf diesem Niveau weiterdenkt. Alle ermahnenden Sätze ermahnen sie zu allererst, auf gar keinen Fall zurückzusinken in ihre gewöhnliche, spannungsfreie Denkweise.

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